Julia & Tom Bauer
Fjorde, Mitternachtssonne und einsame Stellplätze: Ein Paar berichtet von ihrer Reise durch Skandinavien.
Wir hatten Norwegen immer auf der Liste — aber nie den Mut, es wirklich anzugehen. Zu teuer, zu weit, zu unbekannt. Dann buchten wir spontan einen Campervan über driveaway, luden ihn in Hamburg auf die Fähre nach Bergen und fuhren los. Was folgte, waren zehn Tage, die wir nie vergessen werden.
Tag 1–2: Ankunft in Bergen
Bergen empfing uns mit typisch nordischem Wetter: Regen, Wind und trotzdem wunderschön. Die Bryggen-Warehouses leuchten auch im Grau. Wir parkten den Van am Hafen, erkundeten die Stadt zu Fuß und fuhren mit der Fløibanen Bergbahn auf den Fløyen. Der Blick über die Stadt und die umliegenden Fjorde war atemberaubend — und gab uns sofort Motivation für die nächsten Tage.
Bergen-Tipp
Kauft euren Fischmarkt-Lunch beim Hafen ein — frischer Lachs auf Brot für 12 Euro ist das beste Preis-Leistungs-Mittagessen Norweens.
Tag 3–4: Hardangerfjord
Vom Hardangerfjord hatten wir Bilder gesehen — die Realität übertraf alles. Der Fjord erstreckt sich 179 Kilometer ins Landesinnere, umgeben von Obstplantagen (wir kamen zur Kirschblütenzeit), Wasserfällen und schneebedeckten Bergen. Wir fanden einen wilden Stellplatz direkt am Fjordufer. Die Stille am Morgen, als der Nebel über dem Wasser lag, war absolut unwirklich.
“Ich stand morgens um halb sechs draußen in meinem Schlafsack und dachte: Das ist der schönste Ort, an dem ich je aufgewacht bin.”
— Julia
Tag 5: Trolltunga — die härteste Wanderung
Die Trolltunga — die 'Trollzunge' — ist einer der bekanntesten Aussichtspunkte Norwegens und einer der anspruchsvollsten Wanderwege. 22 Kilometer, 1.100 Höhenmeter, 10–12 Stunden. Wir starteten um 6 Uhr morgens vom Van aus. Das letzte Stück kam dem Aufgeben gefährlich nah. Dann standen wir da: auf dem Felsen, 700 Meter über dem Ringedalsvatnet-See, und es war jede Sekunde wert.
Wichtig für Trolltunga
Früh starten (vor 7 Uhr), ausreichend Wasser und Essen mitnehmen, gutes Schuhwerk tragen. Der Weg ist nicht beschildert wie ein Stadtspaziergang.
Tag 6–7: Nærøyfjord und Flåm
Der Nærøyfjord ist der schmalste Fjord der Welt — und UNESCO-Weltnaturerbe. Wir fuhren mit der Fähre durch, der Van blieb am Ufer. Grüne Berghänge, Wasserfälle die direkt ins Wasser stürzen, kleine rote Holzhäuser. Im Anschluss: die Flåmsbahn, eine der steilsten regulären Bahnstrecken der Welt. Selbst wenn man kein Zugfan ist — diese Fahrt ist Pflicht.
Tag 8: Sognefjord und freies Wildcampen
In Norwegen gilt 'Allemannsretten' — das Recht auf freien Zugang zur Natur. Wer seinen Van mindestens 150 Meter vom nächsten Haus entfernt parkt, darf in der Wildnis übernachten. Das nutzten wir am Sognefjord: ein einsamer Waldweg, der Van mit Blick auf das Wasser, kein Mensch in Sichtweite. Bestes Wildcampen-Erlebnis der Reise.
Tag 9–10: Rückweg über die Berglandschaft
Auf dem Rückweg nach Bergen nahmen wir die Berglandschaft-Route über Voss. Die Serpentinen, die Hochebene, die Rentierherden am Straßenrand — wir fuhren langsam, hielten oft an, machten keinen Plan. Das ist Vanlife in Reinform: kein Zeitdruck, keine feste Route, einfach fahren.
Budget-Realität
Norwegen ist teuer — aber mit dem Campervan deutlich günstiger als mit Hotels. Rechnet mit ca. 80–120 Euro pro Tag für Kraftstoff, Fähren, Essen und Stellplätze für zwei Personen.
Würden wir es nochmal machen? Sofort. Nächstes Jahr geht es weiter nach Nordnorwegen. Die Lofoten warten.
